MENSCHEN AGIEREN HÄUFIG IRRATIONAL

Benötigt wird ein systematisches Vorgehen

VEREINFACHEN VON SACHVERHALTEN

Wir verringern die wahrgenommene Komplexität, indem wir Informationen ausblenden, die für die Beurteilung einer Entscheidung von nicht offensichtlicher oder nur von untergeordneter Bedeutung sind. Mithilfe dieses Vorgehens schonen wir unsere menschlichen Ressourcen bei der Wahrnehmung von Informationen. Ein gutes Beispiel ist das Runden oder das Vernachlässigen geringfügiger Unterschiede bei Beträgen. Die unbedachte Anwendung dieses Hilfsmittels kann zu nicht rationalen Anlageentscheidungen führen.

KONTEXTEFFEKTE

Die menschliche Konzentrationsfähigkeit ist nicht konstant gleich hoch, sondern nimmt im Zeitverlauf ab. Dies hat zur Folge, dass die in einer Informationsreihe zuerst übermittelten Informationen stärker wahrgenommen werden als die nachfolgenden, der sogenannte Primat-Effekt. Nachfolgende Informationen werden somit von den zuerst übermittelten Informationen in ihrer Bedeutung überlagert. Durch die beeinflusste Informationsverarbeitung resultieren irrationale Investitionsentscheidungen. Neben dem Primat-Effekt unterliegen Menschen auch dem sogenannten Priming-Effekt. Dieser besagt, dass später wahrgenommene Informationen von den zuerst genannten Informationen beeinflusst werden. Zumindest solange, wie diese im gleichen Kontext stehen.

 

SELEKTIVE WAHRNEHMUNG

Unter der selektiven Wahrnehmung ist das Phänomen zu verstehen, wonach Entscheidungsträger nicht sämtliche zur Verfügung stehenden Informationen im Entscheidungsprozess berücksichtigen. Stattdessen werden Informationen lediglich selektiv wahrgenommen. Welche Informationen jeweils Berücksichtigung finden, hängt hierbei von den jeweiligen persönlichen Vorstellungen, vorgefertigten Meinungen, Bedürfnissen und Erwartungen ab. Verfügen wir über stark ausgeprägte Erwartungen, so wird eine besonders hohe Anzahl von neuen Informationen benötigt, um die bereits bestehenden Erwartungen zu ändern oder sogar zu widerlegen. Dies kann dazu führen, dass durch die hohe Erwartung eines Anlegers an eine Aktie beispielsweise deutliche Warnsignale ignoriert werden.

 

VERFÜGBARKEITSHEURISTIK

Die Verfügbarkeitsheuristik beschreibt den Effekt, Informationen, die eine erhöhte Verfügbarkeit im Gedächtnis aufweisen, einen zu hohen Stellenwert einzuräumen.

Entscheidungsträger greifen dabei bewusst auf diese Informationen zu. Gleichzeitig werden weniger verfügbare Informationen wissentlich ignoriert, vernachlässigt und ausgeblendet.

 

 

MENTALE BUCHFÜHRUNG

Die Heuristik der mentalen Buchführung ist eine Form der Komplexitätsreduzierung während der Informationsverarbeitung. Der Begriff der mentalen Buchführung steht für das bewusste Nichtberücksichtigen und Vernachlässigen wechselseitiger Abhängigkeiten zwischen einzelnen Projekten, Kaufentscheidungen oder Ergebnissen. Menschen neigen dazu, die Gesamtheit von Projekten oder Entscheidungen nicht im Aggregat mental zu speichern. Stattdessen werden diese geistig in eigenständigen und isolierten Konten abgelegt und verwaltet. Allfällige Abhängigkeiten werden nicht betrachtet. Im Kontext von Anlageentscheidungen hat dies zur Folge, dass Anlagen häufig isoliert und nicht im Portfoliokontext betrachtet werden.

 

VERANKERUNGSHEURISTIK

Gemäss der Verankerungsheuristik neigen Menschen dazu, bei der Informationsverarbeitung neue Informationen ausgehend von einem Richtwert (Anker) zu beurteilen. Die Anpassung zwischen zwei unterschiedlichen Informationen erfolgt schrittweise von Anker aus in Richtung des wahren Werts. An dem Prozess der schrittweisen Anpassung ist nichts auszusetzen; allerdings belegen zahlreiche empirische Studien, dass dieser Anpassungsprozess in der Regel zu knapp ausfällt, da der verwendete Anker ein zu hohes Gewicht erhält. Dadurch kann es zu einer Verzerrung der Erwartungsbildung und Fehleinschätzungen zum Beispiel hinsichtlich der Aktienkursentwicklung kommen.

 

HINDSIGHT BIAS

Im Nachhinein sind wir alle schlauer! Menschen tendieren dazu, im Nachhinein die Eintrittswahrscheinlichkeit von Ereignissen anders zu beurteilen, als dies vor dem Eintreffen des Ereignisses der Fall gewesen ist. So wird im Nachhinein behauptet, den Ausgang eines Ereignisses, genau wie letztlich passiert, prognostiziert zu haben. „Ich habe doch gewusst, dass es so kommen musste“. Bei diesem Verhalten wird vom sogenannten Hindsight Bias gesprochen. Menschen, die diesem Bias unterliegen, neigen dazu, die beobachteten Ergebnisse im Nachgang als einzig mögliche Konsequenz zu betrachten. Hierbei wird häufig die im Vorgang mit dem Ereignis einhergehende Unsicherheit deutlich und systematisch unterschätzt, bei gleichzeitiger Unterbewertung der möglichen Alternativresultate. Häufig führt dies zu einem falschen Sicherheitsgefühl, das zu nachteiligen Anlageentscheidungen führen kann.

 

OVERCONFIDENCE BIAS

Der Overconfidence Bias (übermässiges Selbstvertrauen) beschreibt die Tatsache, wonach Entscheidungsträger ihre eigenen Fähigkeiten systematisch überschätzen und somit übermässig selbstbewusst sind. Dadurch kann die Erwartungsbildung und das Urteilsvermögen des Entscheiders beeinflusst und verzerrt werden. Entscheidungsträger überschätzen den eigenen Kenntnisstand sowie die Fähigkeit, Entscheidungen eigenständig und richtig zu fällen. Es existiert letztlich ein übermässiges Vertrauen in die eigenen kognitiven Fähigkeiten. Die Genauigkeit der getroffenen Entscheidung wird häufig zu hoch eingeschätzt, als dies durch eine rationale und objektive Sichtweise der Fall wäre. Dadurch wird die Erwartungen falsch kalibriert und es kommt letztlich zu Verzerrungen in der Entscheidungsbildung. Weiter wird die Gefahr des Verlustrisikos oder die Dauer von Trendphasen an den Finanzmärkten regelmässig infolge von Overconfidence unterschätzt und somit falsch beurteilt.

 

VERLUSTAVERISON

Das menschliche Vorgehen, auf Verluste sensibler zu reagieren als auf Gewinne, wird als Verlustaversion bezeichnet. So ist empirisch zu beobachten, dass Verluste gegenüber Gewinnen gleicher Höhe stärker gewichtet werden. Erfolgt der Vergleich kleiner Gewinne mit kleinen Verlusten, so lässt sich feststellen, dass den Verlusten ein doppelt so hoher Wert beigemessen wird. Mithilfe der kognitiven Dissonanz und dem menschlichen Bedürfnis nach Dissonanzfreiheit kann das Auftreten von Verlustaversion erklärt werden. Gewinne werden grundsätzlich vom Entscheidungsträger als positiv und Verluste als negativ empfunden. Führt eine getroffene Entscheidung zu einem Gewinn, also zu einem positiven Ergebnis, so wird der Wunsch nach Dissonanzfreiheit erfüllt. Bei Verlust kann es allerdings leicht zu kognitiver Dissonanz kommen. Die Rechtfertigung der Verluste gegenüber sich selbst tritt ein und psychologische Kosten entstehen. Dies kann dazu führen, dass Anleger eine stärkere Tendenz dazu haben, in vermeintlich sichere Anlagen zu investieren und vor langfristig profitableren, aber schwankenden Investitionen zurückschrecken.

BESITZTUMSEFFEKT

Der Besitztumseffekt, auch häufig Endowment Effect genannt, beschreibt den Effekt, wonach Gegenstände, die sich im persönlichen Besitz einer Person befinden, subjektiv an Wert gewinnen. Ein durch die Aufgabe oder den Verkauf von persönlichem Besitz wahrgenommener Schaden wird als grösser empfunden als der Nutzen, der durch den Kauf ein und desselben Gegenstands entsteht. Der subjektiv wahrgenommene Wertverlust durch die Aufgabe eines Gegenstands wiegt folglich grösser als der Nutzen durch den Erhalt desselben. Der Besitztumseffekt lässt sich sehr gut an den Finanzmärkten in Form eines anderen Effekts beobachten. Man spricht hierbei vom sogenannten Dispositionseffekt. Investoren neigen dazu, Positionen, die sich im Gewinn befinden, eher zu verkaufen als Verlustpositionen. Es besteht die Tendenz, dass Verliereraktien länger im Depot zu halten als Gewinneraktien. Dies führt zu einer Reduzierung der erzielbaren Rendite. Der Verkauf einer Verliererposition wird häufig als «Fehlereingeständnis» betrachtet. Dies ist nicht im Einklang mit dem Wunsch nach konsistentem Handeln.