Das Einmaleins der Behavioral Finance

Die Finanzmarkttheorie Behavioral Finance stellt sich gegen die neoklassische Sichtweise des Marktteilnehmers als Homo oeconomicus, der alles weiss und stets effizient und rational handelt. Vielmehr verhalten sich Marktteilnehmer lediglich begrenzt rational. In der Folge kommt es zu systematischen Preisverzerrungen an den Finanzmärkten.

Die auf Nobelpreisträger Eugene Fama zurückgehende Effizienzmarkthypothese besagt, dass Aktienkurse sämtliche verfügbaren Informationen korrekt widerspiegeln und nur rational handelnde Marktteilnehmer – nach dem Menschenbild des Homo oeconomicus – unmittelbar auf alle verfügbaren Informationen reagieren. Aktives Portfoliomanagement könnte demnach keine Outperformance erzielen.

In den vergangenen Jahren ist zunehmend Kritik an der etablierten Kapitalmarkttheorie aufgekommen. Im Zentrum der Kritik stehen das Menschenbild des Homo oeconomicus, die Annahme vollständiger Markteffizienz und die daraus abgeleiteten Kapitalmarktmodelle. Diese Annahmen werden zunehmend als realitätsfremd und als nicht mit der Wirklichkeit der Finanzmärkte kompatibel betrachtet.

Zahlreiche empirische Untersuchungen stellen die Gültigkeit der etablierten neoklassischen Sichtweise infrage. Studienergebnisse weisen darauf hin, dass Aktienkurse in gewissen Phasen die aktuell gegebene Informationslage nicht exakt widerspiegeln und im Widerspruch zur Markteffizienz stehen. Die Effekte werden Value-, Quality-, Size-, Volatility-, oder Momentum-Effekt genannt. Auf dieser Grundlage ist der Forschungsansatz der Behavioral Finance entstanden.

Das Auftreten systematischer Preisverzerrungen, ausgelöst durch Emotionen, psychologische Faktoren und kognitive Beschränkungen, ist als Zentrum der Finanzmarkttheorie Behavioral Finance anzusehen. Im Vergleich zur neoklassischen Sichtweise geht diese Finanzmarkttheorie davon aus, dass Wertpapierkurse, bedingt durch situativ irrational handelnde Marktteilnehmer, vorhersehbar vom fundamental gerechtfertigten Preisniveau abweichen.

Die Behavioral Finance ist der Ansicht, dass sich Marktteilnehmer lediglich begrenzt rational verhalten und es in der Folge zu systematischen Preisverzerrungen an den Finanzmärkten kommt. Der US-Kapitalmarktforscher Vernon Smith spricht in diesem Zusammenhang von begrenzter Rationalität, sogenannter Bounded Rationality. Die begrenzte Rationalität ist als Ergebnis der im Entscheidungsprozess zur Anwendung kommenden Heuristiken – einfach ausgedrückt sind das Faustregeln – und Verzerrungen zu sehen. Die Anwendung von Heuristiken und Verzerrungen konnte anhand zahlreicher psychologischer Laboruntersuchungen belegt werden.

Diese können zur Fehleinschätzung von Wahrscheinlichkeiten, Information, objektiven Realitäten oder auch der eigenen Fähigkeit führen. Mithilfe der kognitiven Psychologie lässt sich das Auftreten der unterschiedlichen Heuristiken und Verzerrungen erklären und begründen.

Die neoklassische Kapitalmarkttheorie versucht eine perfekte Welt zu beschreiben. Die Behavioral Finance hingegen versucht die in der Realität zu beobachteten Verhaltensmuster der Marktteilnehmer im Fokus und die darauf resultierenden Effekte und Kursentwicklungen an den Finanzmärkten zu beschreiben und erklären.